Wer war Diderot - Eine Skizze von Peter Prange - denis-diderot.info

Peter Prange

„Das Sturmgeschütz der Aufklärung"

Denis Diderot oder die Mobilmachung des Geistes


Denis Diderot - wer war das noch mal? Ach ja, der mit der „Encyclopédie" ... Irgend so ein Vielschreiber in grauer Vorzeit, nicht wahr? Ein blassgesichtiger Stubengelehrter, der sich für ein paar Jahre in einen Bücherberg vergrub, um am Ende mit ein paar weiteren Büchern daraus hervor zu kommen. Und über so einen jetzt noch ein Buch? Was könnte es Langweiligeres geben

Von wegen!

Diderot war alles andere als ein langweiliger Stubengelehrter. Im Gegenteil. Er war einer der brillantesten Köpfe der europä­ischen Aufklärung, ja der ganzen abendländischen Geistesge­schichte. Als einer der ersten Berufsschriftsteller überhaupt, der nicht nur für, sondern auch von der Literatur lebte, schrieb er Dramen und Romane, Pamphlete und Essays, Kritiken und Ab­handlungen - kein Genre, kein Thema war vor ihm sicher!

Dieses literarische Temperament war sichtbarer Ausdruck eines Mannes, dem die Begabung aus sämtlichen Knopflöchern platzte. Dank seines überbordenden Charakters verkörperte er das französische 18. Jahrhundert wie kein anderer, mit sämtlichen Widersprüchen. Stets in Zeit- und Geldnot, warf er mit Ideen nur so um sich. Er begeisterte sich für alles und jedes, durchlebte und durchlitt Persönlichkeitsschwankungen bis an den Rand der Schizophrenie, war rührselig wie eine Weißnäherin und scharfäugig wie ein Jesuit, verehrte ein höheres Wesen und verhöhnte die Religion, oszillierte zwischen Biedermann und Libertin, propagierte die philosophische Einsicht, dass der Mensch nicht zur lebenslangen Treue geschaffen sei, um gleichzeitig die Familie zu verherrlichen.

„Ein sehr geistreicher Bursche, doch äußerst gefährlich", charakterisierte ihn der Zeitgenosse Joseph d'Hémery, seines Zeichens für die Überwachung des Buchhandels zuständiger Inspektor der Pariser Polizei. „Arbeitet an einem Dictionnaire encyclopédique.''

Was machte diesen Mann, was machte dieses Unternehmen in den Augen der Obrigkeit so gefährlich?

„Wissen ist Macht!" Diese Erkenntnis Francis Bacons war schon zu Diderots Zeiten ein intellektueller Gemeinplatz. Doch gerade weil Wissen Macht bedeutet, war es Jahrhunderte lang ein streng gehütetes Privileg der Elite gewesen, ein Vorrecht von Kirche und Staat. Und da machte sich dieser Diderot, zusammen mit einem Heer von Mitstreitern, an das ebenso größenwahnsinnige wie frevlerische Werk, das ganze Wissen der Menschheit, die Kenntnisse aller Kulturen und Völker aller Zeiten, in einem einzigen Buch zusammenzutragen, um dieses Menschheitswissen prinzipiell jedem Menschen auf der Welt, der des Französischen mächtig war, zur Verfügung zu stellen. Ein Buch wie die Bibel, nichts Geringeres stand auf dem Spiel, eine Heilslehre der neuen Zeit, ein Handbuch der irdischen Glückseligkeit. Denn dieses Kompendium sollte nicht nur das Wissen enthalten, wie man die Welt verbessern kann, sondern zugleich auch das Programm zur praktischen Verwirklichung.

Das war die unheimliche Gefahr, die von der „Encyplopédie" ausging und weshalb der Polizeiinspektor sich genötigt sah, seinen Vorgesetzen Bericht zu erstatten. Keine Frage: Dieses Buch war Sprengstoff für das Ancien régime - ein Sturmgeschütz der Aufklärung, die mit den Waffen des Geistes sich anschickte, die morsche Monarchie in die Luft zu jagen.

Die Reaktion ließ nicht auf sich warten. Staat und Kirche waren nicht bereit, eine solche Provokation ihrer Autorität hinzunehmen. Der Mobilisierung des Geistes begegneten sie mit der Mobilmachung der Zensur. Während der ganzen Entstehungszeit der „Encyclopédie", über zwanzig Jahre lang, wurden Diderot und seine Kombattanten von den Behörden schikaniert und verfolgt. Immer wieder wurde das Projekt behindert und verboten, ja, man verschärfte sogar eigens die Gesetze, um die Enzyklopädisten einzuschüchtern. Nachdem man bei Robert Damiens, dem Urheber eines misslungenen Attentats auf König Ludwig XV., einen Band der „Encyclopédie" gefunden hatte, wurde das Verfassen von aufrührerischen Schriften gegen Kirche und Staat unter die Androhung der Todesstrafe gestellt.

Doch es half wenig bis nichts - Diderot ließ sich nicht beirren. Keine noch so massive Drohung konnte ihn von seinem großen Plan abbringen. Für das Projekt der „Encyclopédie" war er bereit, buchstäblich alles zu geben. Dafür riskierte er nicht nur sein Leben, sondern - und das zählt für einen Autor seines Kalibers womöglich noch mehr - sogar sein übriges Werk. Dutzende von Büchern ließ er ungeschrieben, um dieses eine Buch der Bücher zu schreiben.

„Dieses Werk", schrieb er an seine Vertraute im Geiste, Sophie Volland, „wird sicher mit der Zeit eine Umwandlung der Geister mit sich bringen, und ich hoffe, dass die Tyrannen, die Unter­drücker, die Fanatiker und die Intoleranten dabei nicht gewinnen worden. Wir werden der Menschheit gedient haben..."

Peter Prange