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diderotbuchWerner Raupp, Denis Diderot

Weiß man je, wohin man geht?
Ein Lesebuch

DIDEROT-Verlag 2008 (2009²).
ISBN-10: 3936088950, ISBN-13: 978-3936088953, 480 S., 27,90 €

Restexemplare beim Hrsg. portofrei zu beziehen: 22 €
3. überarb. Auflage in Vorbereitung, ersch. ca. 2014 (ca. 520 S.)

Der noch recht junge Diderot-Verlag – Gründung 2002 – legt mit dem Lesebuch zum Namensgeber unter dem Untertitel „Weiß man je, wohin man geht?“ eine interessante Mischung von sekundären und primären Quellen vor. Der Schwerpunkt liegt freilich auf letzteren, denn es handelt sich wesentlich um eine Anthologie, die einen Eindruck von Diderots Leben und Schaffen vermitteln soll. Und dies gelingt dem Buch.

Nach Geleitwort und Einführung in Diderots Vita folgen zunächst Texte von Autoren des 18. Jhds., die biographische Stationen Diderots beleuchten – von einer Schilderung in Rousseaus „Bekenntnissen“ über eine Aktennotiz der Polizei anlässlich von Diderots Verhaftung bis zu einer Schilderung seiner letzten Lebenszeit. Sodann erhält der Leser Einblick in die ‘Enzyklopädie’, also jenes Projekt, durch das uns Diderot wohl am stärksten im Gedächtnis geblieben ist. Dass diese Unternehmung keineswegs einen reibungslosen Verlauf nahm, ist den Quellen leicht zu entnehmen: Die Korrespondenz, die um die Enzyklopädie geführt wurde, belegt die regen Streitigkeiten der Herausgeber untereinander und u.a. mit ihrem Drucker.

Das dritte Kapitel – unter der Überschrift ‘Die Kunst’ – führt dem Leser Diderots Ansichten und Theorien über Musik, Theater, bildende Kunst vor, im Anschluss lesen wir im vierten Kapitel von seinen Gedanken zur Literatur und seinen eigenen (sehr gelungenen!) Gehversuchen in diesem Metier. Die Universalität von Diderots Bemühen und Streben ist bemerkenswert – kein Bereich von Wissenschaft und Denken, Kunst und Kultur war vor ihm sicher.

Wir lernen Diderot, den Exzentriker kennen, Diderot, den Systematiker, den Verfolgten, den politischen Denker, der mit seiner Philosophie der Aufklärung wirksam werden wollte. Kurz: Wir nähern uns dem Menschen Diderot, insbesondere auch in den letzten Kapiteln, die Briefe und Urteile von Zeitgenossen und der Nachwelt versammeln.

Das Lesebuch kommt zur rechten Zeit, denn selten war Diderots Großprojekt, die Enzyklopädie (als Demokratisierungsinstrument des Wissens), erfolgreicher als heute. Die weltweite Vernetzung und der Gedanke des offenen Zugriffs – lesend und schreibend – auf Information und Wissen kann mit der Wikipedia eine demokratisierende Wiederholung dessen sein, was Diderot vor zweieinhalb Jahrhunderten begann. Das vorliegende Buch führt auf beeindruckende Weise in dieses Feld seiner Arbeit ein – und in andere.

Rezensent: Dennis Schmolk (Nürnberg)


Geleitwort von Peter Prange

„Das Sturmgeschütz der Aufklärung"

Denis Diderot oder die Mobilmachung des Geistes

Zum Geleit

Denis Diderot - wer war das noch mal? Ach ja, der mit der „Encyclopédie" ... Irgend so ein Vielschreiber in grauer Vorzeit, nicht wahr? Ein blassgesichtiger Stubengelehrter, der sich für ein paar Jahre in einen Bücherberg vergrub, um am Ende mit ein paar weiteren Büchern daraus hervor zu kommen. Und über so einen jetzt noch ein Buch? Was könnte es Langweiligeres geben

Von wegen!

Diderot war alles andere als ein langweiliger Stubengelehrter. Im Gegenteil. Er war einer der brillantesten Köpfe der europä­ischen Aufklärung, ja der ganzen abendländischen Geistesge­schichte. Als einer der ersten Berufsschriftsteller überhaupt, der nicht nur für, sondern auch von der Literatur lebte, schrieb er Dramen und Romane, Pamphlete und Essays, Kritiken und Ab­handlungen - kein Genre, kein Thema war vor ihm sicher!

Dieses literarische Temperament war sichtbarer Ausdruck eines Mannes, dem die Begabung aus sämtlichen Knopflöchern platzte. Dank seines überbordenden Charakters verkörperte er das französische 18. Jahrhundert wie kein anderer, mit sämtlichen Widersprüchen. Stets in Zeit- und Geldnot, warf er mit Ideen nur so um sich. Er begeisterte sich für alles und jedes, durchlebte und durchlitt Persönlichkeitsschwankungen bis an den Rand der Schizophrenie, war rührselig wie eine Weißnäherin und scharfäugig wie ein Jesuit, verehrte ein höheres Wesen und verhöhnte die Religion, oszillierte zwischen Biedermann und Libertin, propagierte die philosophische Einsicht, dass der Mensch nicht zur lebenslangen Treue geschaffen sei, um gleichzeitig die Familie zu verherrlichen.

„Ein sehr geistreicher Bursche, doch äußerst gefährlich", charakterisierte ihn der Zeitgenosse Joseph d'Hémery, seines Zeichens für die Überwachung des Buchhandels zuständiger Inspektor der Pariser Polizei. „Arbeitet an einem Dictionnaire encyclopédique.''

Was machte diesen Mann, was machte dieses Unternehmen in den Augen der Obrigkeit so gefährlich?

„Wissen ist Macht!" Diese Erkenntnis Francis Bacons war schon zu Diderots Zeiten ein intellektueller Gemeinplatz. Doch gerade weil Wissen Macht bedeutet, war es Jahrhunderte lang ein streng gehütetes Privileg der Elite gewesen, ein Vorrecht von Kirche und Staat. Und da machte sich dieser Diderot, zusammen mit einem Heer von Mitstreitern, an das ebenso größenwahnsinnige wie frevlerische Werk, das ganze Wissen der Menschheit, die Kenntnisse aller Kulturen und Völker aller Zeiten, in einem einzigen Buch zusammenzutragen, um dieses Menschheitswissen prinzipiell jedem Menschen auf der Welt, der des Französischen mächtig war, zur Verfügung zu stellen. Ein Buch wie die Bibel, nichts Geringeres stand auf dem Spiel, eine Heilslehre der neuen Zeit, ein Handbuch der irdischen Glückseligkeit. Denn dieses Kompendium sollte nicht nur das Wissen enthalten, wie man die Welt verbessern kann, sondern zugleich auch das Programm zur praktischen Verwirklichung.

Das war die unheimliche Gefahr, die von der „Encyplopédie" ausging und weshalb der Polizeiinspektor sich genötigt sah, seinen Vorgesetzen Bericht zu erstatten. Keine Frage: Dieses Buch war Sprengstoff für das Ancien régime - ein Sturmgeschütz der Aufklärung, die mit den Waffen des Geistes sich anschickte, die morsche Monarchie in die Luft zu jagen.

Die Reaktion ließ nicht auf sich warten. Staat und Kirche waren nicht bereit, eine solche Provokation ihrer Autorität hinzunehmen. Der Mobilisierung des Geistes begegneten sie mit der Mobilmachung der Zensur. Während der ganzen Entstehungszeit der „Encyclopédie", über zwanzig Jahre lang, wurden Diderot und seine Kombattanten von den Behörden schikaniert und verfolgt. Immer wieder wurde das Projekt behindert und verboten, ja, man verschärfte sogar eigens die Gesetze, um die Enzyklopädisten einzuschüchtern. Nachdem man bei Robert Damiens, dem Urheber eines misslungenen Attentats auf König Ludwig XV., einen Band der „Encyclopédie" gefunden hatte, wurde das Verfassen von aufrührerischen Schriften gegen Kirche und Staat unter die Androhung der Todesstrafe gestellt.

Doch es half wenig bis nichts - Diderot ließ sich nicht beirren. Keine noch so massive Drohung konnte ihn von seinem großen Plan abbringen. Für das Projekt der „Encyclopédie" war er bereit, buchstäblich alles zu geben. Dafür riskierte er nicht nur sein Leben, sondern - und das zählt für einen Autor seines Kalibers womöglich noch mehr - sogar sein übriges Werk. Dutzende von Büchern ließ er ungeschrieben, um dieses eine Buch der Bücher zu schreiben.

„Dieses Werk", schrieb er an seine Vertraute im Geiste, Sophie Volland, „wird sicher mit der Zeit eine Umwandlung der Geister mit sich bringen, und ich hoffe, dass die Tyrannen, die Unter­drücker, die Fanatiker und die Intoleranten dabei nicht gewinnen worden. Wir werden der Menschheit gedient haben..."

Dem ist nichts hinzuzufügen - außer dieses Buch. Mit seinem enzyklopädischen Ansatz, Denis Diderot in all seinen unter­schiedlichen Facetten nachzuspüren, wird es diesem Jahrhundertautor in ganz besonderer Weise gerecht. Ich wünsche ihm darum mindestens ebenso viele Leser, wie sie meinem Roman „Die Philosophin" vergönnt waren, in dem ich dieselbe Geschichte mit anderen Mitteln versucht habe zu erzählen.

Tübingen, im September 2007

Peter Prange