100 Gedanken - denis-diderot.info

Kurzer Auszug aus

100 Gedanken - ein Mosaik zum 300. Geburtstag des französischen Philosophen


EIN VORLÄUFER VON WIKIPEDIA - DIE ENZYKLOPÄDIE

Die "revolutionäre Forderung" der Encyclopédie:
Heute, da die Philosophie mit großen Schritten vorwärtsschreitet und das Joch der Autorität und des Vorbilds abzuwerfen beginnt, um sich an die Gesetze der Vernunft zu halten - muss man alles prüfen, alles ausnahmslos und schonungslos in Frage stellen. Man muss diesen ganzen alten Unfug ausrotten, die Schranken umstoßen, die nicht die Vernunft gesetzt hat, und muss den Wissenschaften und Künsten eine Freiheit wiedergeben, die für sie so unersetzlich ist.

Man muss ein universelles Wörterbuch der Wissenschaften und Künste betrachten wie eine weite Landschaft mit Bergen, Ebenen, Felsen, Gewässern, Wäldern, Tieren und allen jenen Gegenständen, die eben die Mannigfaltigkeit einer großartigen Landschaft ausmachen. Das Licht des Himmels beleuchtet sie alle, doch werden sie von ihm verschieden getroffen.

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VON PHILOSOPHIE, AUFKLÄRUNG UND VERNUNFT

Was ist ein Skeptiker? Ein Philosoph, der alles bezweifelt, was er glaubt, und der nur das glaubt, was ihm der rechtmäßige Gebrauch seiner Vernunft und seiner Sinne als wahr bewiesen hat. - Was man niemals in Frage gestellt hat, ist überhaupt nicht bewiesen worden; was man nicht vorurteilslos geprüft hat, ist überhaupt nicht geprüft worden. Der Skeptizismus ist also der erste Schritt zur Wahrheit.

Man soll von mir verlangen, dass ich die Wahrheit suche, aber nicht, dass ich sie finde.

Nie zu bereuen und nie anderen Vorwürfe zu machen - das sind die ersten Schritte zur Weisheit.

Der Mensch ist für die Wahrheit geschaffen, die Wahrheit für den Menschen: weil er ihr ohne Unterlass nachläuft; weil er sie festhält, wenn er sie findet. Die Wahrheit entzieht sich jedoch ständig den überaus mühsamen Forschungen des Menschen.

Die Wahrheit, die Wahrheit, sie ist oft kalt, alltäglich und platt.

Wenn ich auf meine Vernunft verzichte, habe ich keinen Führer mehr. Ich muss dann blindlings ein sekundäres Prinzip annehmen und das voraussetzen, was in Frage steht.

Diderot modernisiert Descartes' Maxime: "Ich denke, also bin":
Ich denke, ich fühle, ich empfinde, ich handle, ich erfinde, ich sterbe - also bin ich.

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VOM SCHAUSPIEL DER NATUR

Das Wunder - das ist das Leben, das ist die Empfindung.

Genau genommen gibt es nur eine Art der Ursache: die physischen Ursachen.

Alles wechselt, alles geht vorbei, einzig das All bleibt. Die Welt beginnt und endet ohne Unterlass; sie ist in jedem Augenblick an ihrem Anfang und ihrem Ende. - Stimmt ihr nicht mit mir überein, dass in der Natur alles zusammenhängt und dass es in der Kette [des Lebens] keine Lücken gibt? Es gibt nur ein einziges großes Individuum - und das ist das Ganze. - Rerum novus nascitur ordo*, so lautet die ewige Inschrift!
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* lat. Immer wieder entsteht eine neue Ordnung.

Alle Wesen gehen im Kreislauf ineinander über, folgerichtig auch alle Arten, alles ist ein fortwährender Fluss. Jedes Tier ist mehr oder minder Mensch, jedes Mineral ist mehr oder minder Pflanze, jede Pflanze mehr oder minder Tier. Es gibt nichts Feststehendes in der Natur. Entstehen, leben und vergehen, das heißt: die Gestalt wechseln… Was aber bedeutet diese oder jene Gestalt? Jede Gestalt birgt das ihr eigene Glück und Unglück. Vom Elefanten bis zur Blattlaus… von der Blattlaus bis zum empfindsamen, lebenden Molekül, dem Ursprung von allem, gibt es in der ganzen Natur keine Stelle, die nicht leidet oder genießt. - Und wenn alles im fortwährenden Wechsel begriffen ist, wie das Schauspiel des Universums ihn mir überall darbietet - was mögen da nicht erst hier und anderswo die Dauer und die Wandlung von ein paar Jahrhundertmillionen nicht alles hervorbringen?

Arbeitet unermüdlich, Naturforscher, Weltweise, Beobachter aller Art. Und nach Jahrhunderten von vereinten und fortgesetzten Bemühungen werden die Geheimnisse, die Ihr der Natur entrissen habt, im Vergleich mit ihren unermesslichen Reichtümern nur ein Tropfen Wasser sein, den ihr dem Ozean entrissen habt. Die Natur der zwei Wesen, welche die Welt ausmachen, der Geist und die Materie - sie werden immer ein Geheimnis bleiben.

Gib dich der Natur, gib dich der Menschheit, gib dich dir selbst wieder - und du wirst überall Blumen auf deinem Lebensweg finden.

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VON GOTT UND RELIGION

Ich habe mich nachts in einem riesigen Wald verirrt und habe nur ein kleines Licht, um mich zurechtzufinden. Da kommt ein Unbekannter hinzu und sagt zu mir: "Lieber Freund, blase deine Kerze aus, um deinen Weg besser zu finden." Dieser Unbekannte ist ein Theologe.

Eine wahre Religion, die alle Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten angeht, müsste ewig, universell und evident sein; keine hat diese drei Merkmale; also sind alle dreifach als unwahr erwiesen.

Wenn Gott, von dem wir die Vernunft haben, das Opfer der Vernunft verlangt, so ist er ein Taschenspieler, der das, was er gegeben hat, wieder verschwinden lässt.

Der Gott der Christen ist ein Vater, der viel Aufhebens von seinen Äpfeln und sehr wenig Aufhebens von seinen Kindern macht.*
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* Anspielung auf den alttestamentlichen Mythos vom Sündenfall (Gen. 3)

 Es ist mit den Religionen wie mit den Klosterregeln: Sie lockern sich mit der Zeit. Es ist ein Wahn, der nicht standhält gegen den dauernden Einfluss der Natur, die uns immer zu ihrem eigenen Gesetz zurückführt.

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VON DER KUNST UND DEM SCHÖNEN

Die Natur macht nichts Inkorrektes. Jede Gestalt, sie mag schön oder hässlich sein, hat ihre Ursache, und unter allen existierenden Wesen ist keins, das nicht wäre, wie es sein soll.

Das Gefühl für das Schöne ist das Ergebnis einer langen Reihe von Beobachtungen. Und wann hat man diese Beobachtungen gemacht? Zu jeder Zeit, in jedem Augenblick.

Die Stimme ist ein Musikinstrument, dessen sich alle Menschen ohne die Hilfe von Lehrern, Prinzipien oder Regeln bedienen können.

Ein Tanz ist ein Gedicht.

Von der Faszination von Ruinen:
Ruinen erwecken in mir erhabene Ideen. Alles geht zugrunde, alles verfällt, alles vergeht. Nur die Welt bleibt bestehen. Nur die Zeit dauert fort. Wie alt diese Welt ist! Ich wandle zwischen zwei Ewigkeiten. Wohin ich auch immer blicke, überall weisen mich Gegenstände, die mich umgeben, auf das Ende aller Dinge hin - und machen mich auf mein Ende gefasst, das mich erwartet. Was ist mein vergängliches Dasein im Vergleich mit dem Dasein des Felsens dort, der in sich zerfällt; dem Tal dort, das immer tiefer wird; dem Wald dort, der wankt; den Massen dort, die über meinem Kopf hängen und einzustürzen drohen? Ich sehe den Marmor der Grabmäler zu Staub zerfallen und will selbst nicht sterben! Und ich will mit einem schwachen Gewebe aus Nerven und Fleisch dem allgemeinen Gesetz trotzen, dem selbst die Bronze unterliegt! Ein gewaltiger Strom reißt die Völker nacheinander in den Abgrund, und ich - ich allein maße mir an, am Ufer auszuharren und die Flut, die an meinen Seiten vorüberrauscht, brechen zu können!

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DIE HUMANE GESELLSCHAFT

Enzyklopädieartikel über die "Politische Autorität" (1751):
Kein Mensch hat von der Natur das Recht erhalten, den anderen zu gebieten. Die Freiheit ist ein Geschenk des Himmels, und jedes Individuum von derselben Art hat das Recht, sie zu genießen, sobald es Vernunft besitzt.

Menschlichkeit ist ein Gefühl des Wohlwollens für alle Menschen, das nur in einer großen und empfindsamen Seele aufflammt. Diese edle und erhabene Begeisterung kümmert sich um die Leiden der anderen und um das Bedürfnis, sie zu lindern. Sie möchte die ganze Welt durcheilen, um die Sklaverei, den Aberglauben, das Laster und das Unglück abzuschaffen. Sie macht uns zu besseren Freunden, besseren Gatten, besseren Staatsbürgern. Es macht ihr Freude, die Wohltätigkeit auf alle Wesen auszudehnen, welche die Natur neben uns gestellt hat. Ich habe diese Tugend, eine Quelle so vieler anderer Tugenden, zwar in vielen Köpfen bemerkt, aber nur in wenigen Herzen.

Gebt, aber wenn ihr könnt, erspart dem Armen die Scham, seine Hand ausstrecken zu müssen.

Ist der Tagelöhner unglücklich, so ist die Nation unglücklich.

Diderot als Vorläufer des Tierschutzes:
Gibt es denn nicht genug Nahrungsmittel, ohne dass man Blut vergießt? Heißt es denn nicht, die Menschen zur Grausamkeit zu ermutigen, wenn man ihnen erlaubt, den Tieren das Messer in den Hals zu stoßen?

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VON GLÜCK UND TUGEND, LIEBE UND LEIDENSCHAFT

Es gibt nur eine Leidenschaft: glücklich zu sein.

Der glücklichste Mensch ist derjenige, der die meisten glücklich macht.

Der Leitspruch Denis':
Auf dem Titelblatt meines Gesetzbuchs steht geschrieben:
Sei glücklich nach deiner Fasson. Denn das ist unsere Freude.

Der Baum der Enthaltsamkeit hat die Genügsamkeit zur Wurzel und die Zufriedenheit zur Frucht.

Es gibt nichts Beständiges außer Essen, Trinken, Leben, Lieben und Schlafen.

Das Leben wäre eine sehr schöne Komödie, wenn man darin nicht selbst eine Rolle spielen müsste. - Die Welt eine Torheit? Eine schöne Torheit trotz alledem! Sie ist nach der Meinung einiger Bewohner Malabars eine der vierundsiebzig Komödien, an denen sich der Ewige ergötzt.

Auf jeden Fall gibt es nichts Besseres, sich vor Täuschung und Irrtum zu bewahren, als immer wahr zu sein gegen sich selbst.

Aus dem Roman "Rameaus Neffe" (1761/62):
Es mag schön oder hässlich Wetter sein, meine Gewohnheit bleibt auf jeden Fall um fünf Uhr abends im Palais Royal spazieren zu gehen. Mich sieht man immer allein, nachdenklich auf der Bank d'Argenson. Ich unterhalte mich mit mir selbst über Politik, Liebe, Geschmack oder Philosophie und überlasse meinen Geist seiner ganzen Leichtfertigkeit. Mag er doch die erste Idee verfolgen, die sich zeigt, sie sei weise oder töricht. Meine Gedanken sind meine Dirnen.
Und Rameaus Neffe rief aus: Nichts ist beständig auf der Welt. Am Glücksrad heute oben, morgen unten. Verfluchte Zufälle führen uns - und führen uns sehr schlecht. Die Tugend, die Philosophie: sind sie denn für alle Welt? Wer's vermag, halte es, wie er will. Denkt Euch, die Welt wäre weise und philosophisch gesinnt; gesteht, dass dies verteufelt traurig wäre. Es lebe hingegen Salomos Philosophie und Weisheit: gute Weine trinken, sich mit köstlichen Speisen vollstopfen, hübsche Frauen besitzen; alles andere ist eitel.*
Man lobt die Tugend, aber man hasst sie, man flieht sie, man lässt sie frieren, und in dieser Welt muss man die Füße warmhalten. Die Stimme des Gewissens und der Ehre ist sehr schwach, wenn die Eingeweide schreien.
Der Hauptpunkt im Leben ist doch nur, allabendlich ungezwungen, leicht, angenehm auf den Lokus zu gehen. "O stercus pretiosum".** Das ist das große Resultat des Lebens in allen Ständen.
Im letzten Augenblick hat einer soviel wie der andere. Der Tote hört kein Glockengeläut; umsonst singen sich hundert Pfaffen heiser um seinetwillen; umsonst ziehen lange Reihen von brennenden Kerzen vor und hinter ihm her; seine Seele schreitet nicht neben dem Zeremonienmeister. Unter Marmor verfaulen oder unter der Erde - bleibt immer verfaulen.
Glücklicherweise brauche ich kein Heuchler zu sein. Es gibt ihrer ohnehin zu viele in allen Farben, ohne die mitzurechnen, die sich selbst belügen. Und überhaupt: Der Teufel hole mich, wenn ich im Grunde weiß, was ich bin. Im ganzen ist mein Geist rund wie eine Kugel und der Charakter frisch wie eine Weide: niemals falsch, wenn es mein Vorteil ist, wahr zu sein; niemals wahr, wenn ich es einigermaßen nützlich finde, falsch zu sein.
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* Scherzhafte Anspielung auf das alttestamentliche Buch Kohelet.
** lat. "O kostbarer Mist" - scherzhafter Lehrsatz der antiken Agronomie.

 Aus der Erzählung "Klage um meinen alten Hausrock" (1772):
Warum habe ich ihn nicht behalten? Er passte zu mir, ich passte zu ihm. Er schmiegte sich jeder Wendung meines Körpers an; er stand mir so gut, dass ich mich ausnahm wie von Künstlerhand gemalt. Der neue, steif und förmlich, macht mich zur Schneiderpuppe. Kein Bedürfnis, dem der alte nicht entgegengekommen wäre; denn fast nie hat die Armut etwas dagegen, sich nützlich zu zeigen. Lag Staub auf einem Buch, schon bot sich einer seiner Zipfel an, ihn abzuwischen. War mir die Tinte eingetrocknet und wollte nicht mehr aus der Feder fließen, so lieh er mir einen Ärmel: lange, schwarze Streifen legten von den häufigen Diensten, die er mir geleistet hat, Zeugnis ab. An diesen Tintenspuren war der Mann der Literatur, der Schriftsteller, der arbeitende Mensch zu erkennen.
Und heute? Ich sehe aus wie ein reicher Tagedieb, man sieht mir nicht mehr an, wer ich bin. Ich war ganz und gar Herr meines alten Hausrocks; [nunmehr] bin ich zum Sklaven des neuen geworden. Verfluchtes Luxuskleid, dem ich meine Reverenz erweise! Wo ist er hin, mein bescheidener, mein bequemer Wollfetzen?
Liebe Freunde, haltet an den Freunden fest, die euch geblieben sind. Fürchtet die Schläge des Reichtums! Lasst euch mein Beispiel eine Lehre sein. Die Armut hat ihre Freiheiten, der Reichtum seine Zwänge.
Mein alter Hausrock und der ganze Plunder, mit dem ich mich eingerichtet hatte - wie gut passte eins zum andern! Jetzt ist alles aus den Fugen. Die Übereinstimmung ist dahin, und mit ihr das richtige Maß, die Schönheit.*
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*Auf diese Novelle geht der "Diderot-Effekt" zurück, wonach der Kauf eines Gegenstands eine "Konsum-Kettenreaktion" auslöst, um ein passendes Gesamtbild zu schaffen.

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VOM FLÜCHTIGEN LEBEN UND VOM TOD

Der wahre Ruhm besteht weder darin zu sterben noch darin zu leben, sondern das eine wie das andere gut zu tun.

Anspielung auf Seneca, De brevitate vitae ("Von der Kürze des Lebens"), 9,5:
Der Mensch gelangt an den Rand seines Grabes wie der Zerstreute an die Tür seines Hauses.

Weiß man je, wohin man geht?

Gesetz der Wandlung:
Der erste Liebesschwur, den zwei Wesen von Fleisch und Blut einander schworen, erklang am Fuße eines Felsens, der in Staub zerfiel. Zum Zeugen ihrer Beständigkeit riefen sie einen Himmel an, der nicht einen Augenblick derselbe bleibt. Alles schwand, alles veränderte sich in ihnen und um sie, und doch wähnten sie ihre Herzen von Wechsel und Wankelmut befreit. Oh, Kinder, ewige Kinder!

Was ist unsere Lebensdauer im Vergleich zur Ewigkeit der Zeit? Weniger als der Tropfen, den ich auf eine Nadelspitze aufgenommen, im Vergleich zum grenzenlosen Raum, der mich umgibt. [Und dennoch] vereint man die Pläne eines ewigen Lebewesens mit der Dauer einer Eintagsfliege.

Man wird dumm inmitten von Schmerzen und Geschrei geboren; man ist Spielball der Unwissenheit, des Irrtums, der Bedürfnisse, der Krankheiten, der Bosheit und der Leidenschaften. Vom Augenblick des ersten Stammelns bis hin zum Greisengefasel lebt man inmitten von Schurken und Scharlatanen jeglicher Art; zwischen einem Mann, der einem den Puls fühlt, und jenem anderen, der einem den Kopf verwirrt [sc. der Geistliche mit manch Münchhausiaden], haucht man sein Leben aus. Man weiß nicht, woher man kommt, warum man gekommen ist, wohin man geht - und dies wird als das größte Geschenk unserer Eltern und der Natur bezeichnet: als das Leben.

Das Gute tun, das Wahre erkennen - das ist es, was einen Menschen vom anderen unterscheidet. Der Rest ist nichts. Das Lebens ist so kurz, seine wahren Bedürfnisse sind so gering, und wenn man einmal weg ist, so bedeutet dies so wenig, ob man jemand oder ob man niemand war. Am Ende braucht man nichts mehr als einen dreckiges Tuch und vier Fichtenbretter.

Die Welt ist das Haus des Starken. Erst am Ende werde ich wissen, was ich in dieser großen Spielhölle, in der ich mit dem Spielbecher in der Hand - tesseras agitans - etwa sechzig Jahre verbrachte, verloren oder gewonnen habe.

Glücklich sind diejenigen, denen vor dem Altern die Lebenszeit,
die sicher vor Unglück und ohne Bewusstsein ihrer selbst ist,
im Spiel verfliegt.*

Was nehme ich wahr? Formen. Und was noch? Formen. Den Inhalt kenne ich nicht. Im Schatten wandeln wir als Schatten für die anderen und für uns selbst.
Ihr Menschen, die man nicht mehr fürchtet: Was habt ihr schon verstanden?
Die Philosophie, eine zur Gewohnheit gewordene tiefe Meditation, die uns aller Dinge enthebt, die uns umgeben, und uns selbst verleugnen lässt, ist auch eine Anleitung zum Sterben.
Eine der schönsten Sentenzen des Stoikers lehrt, die Angst vor dem Tod sei gleichsam der Henkel, an dem der Starke uns packe und führe, wohin er wolle. Zerbrecht den Henkel und enttäuscht die Hand des Starken.**
Es gibt nur eine Tugend, nämlich die Gerechtigkeit; nur eine Pflicht, nämlich das Glücklichsein; und nur eine Folgerung, nämlich sich aus dem Leben nicht allzu viel zu machen und den Tod nicht zu fürchten.
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Aus dem Lat.: Felices quibus, ante annos, secura malorum
Atque ignara sui, per ludum elabitur aetas.
**Anspielung auf Epicteti Dissertationes ab Arriano digestae II, 13, 23

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